Gesunde Bewegung für den Winter … und darüber hinaus!

Das Bild unten ist vor über 20 Jahren in China auf einem Parkhügel der Hafenstadt Qingdao entstanden. Gefunden habe ich es erst kürzlich wieder, als ich auf der Suche nach geeignetem Bildmaterial für einen Weiterbildungsvortrag über „Achtsamkeit und Bewegung“ war. Damals in Qingdao – es war ein sehr kalter Winter – ging es mir gesundheitlich nicht so gut. Doch hatte ich Glück, dass ich dort in Herrn Jiang einen ganz tollen Therapeuten und Qigong Lehrer gefunden hatte. In seiner Nachbarschaft nannten ihn alle Jiang Daifu. „Jiang“ = 江, das war sein Familienname und „Daifu“ = 大夫 heisst wortwörtlich übersetzt „grosse Vervollkommnung“, womit in China respektvoll ein Arzt oder ein erfahrener Therapeut angesprochen wird. In der Tat war Jiang Daifu ein einzigartiger Mann, der selbst bei Minustemperaturen frisch und munter seine Qigong Übungen im Park unterrichtete. Seine Heiterkeit war ansteckend. Selbst an trüben Wintertagen brachte er mit seiner frohgemuten Art viel Licht und Freude in die Herzen seiner Kursteilnehmenden. Dankbar denke ich heute noch an seine Qigong Stunden im Park zurück ✨🙏🏻✨

Jetzt – gute zwei Jahrzehnte später – bin ich es, der bei Wind und Wetter draussen im Freien Qigong und Taiji unterrichtet 😊 Letztes Jahr habe ich für meinen Bewegungspausen-Adventskalender einige meiner Videos ebenfalls draussen im Park aufgenommen. Für dieses Jahr habe ich keinen neuen Adventskalender vorbereitet. Die Play-Liste mit den Bewegungs-Videos vom letzten Jahr steht euch aber zur freien Verfügung. So könnt ihr, wenn ihr möchtet, auch dieses Jahr an jedem Adventstag euch eine wohltuend belebende Bewegungsübung schenken! 💫

Unter den Videos im Adventskalender sind nebst den lockernden Schwung- und Dehnübungen auch die 18 Taiji-Qigong Übungen enthalten. Wer diese gerne vertieft kennenlernen möchte, findet in meinem Qigong Seminar im Jurtendorf Gelegenheit dazu.

Zum Schluss möchte ich gerne noch dieses eine Bild von der Dreilindenstrasse mit euch teilen. Diese laufe ich jede Woche einmal zum Taiji Training im Dreilinden-Park hoch. Könnt ihr erkennen, was den blauen Himmel am Ende der Strasse umsäumt? … Vielleicht müsst ihr ein bisschen ins Bild hineinzoomen … Genau das wünsche ich euch allen von Herzen fürs neue Jahr: Viel gesundes Bewegen mit 🍀💛🍀!

Liebe Grüsse, lichtvolle Adventstage und eine ganz gute und gesunde Winterzeit!

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Bewegungspausen- Adventskalender

Liebe Freunde und Bewegungsinteressierte

Zwei mal war ich dieses Jahr auf dem Moléson. Ein toller Berg oberhalb von Gruyère mit einer atemerweiternden Aussicht!

Steht man dort oben, kann man nicht anders als sich mit dem weiten, freien Raum um sich herum zu verbinden. In Resonanz mit diesem wird die eigene Atmung ebenso: weit und frei! 😊Etwas Besonderes an diesem Berg finde ich, dass er zwei verschiedene Klettersteig-Routen hat. Bei unserer ersten Bergwanderung im Juli hatten mein Sohn und ich uns für die zwar etwas schwierigere, dafür aber im kühlen Schatten gelegene „Yin“ Route entschieden. An jenem heissen Juli-Tag war das eine sehr gute Wahl gewesen. Mitte September war die Wetterlage schon deutlich frischer. Da kam uns die sonnenbeschienene „Yang“ Route sehr gelegen. Ganz unerwartet sind wir auf halbem Wege nach oben bereits dem ersten Schnee begegnet.

Eine ganz andere Art von „saisonaler Überraschung“ wurde mir erst vor ein paar Tagen zuteil, als ich spätabends auf meinem Nachhauseweg durch die Badener Altstadt lief. Tatsächlich schmückte da schon die Weihnachtsbeleuchtung die Weite Gasse. „Ist das nicht etwas zu früh? Ist ja immer noch Oktober,“ wunderte ich mich.

Meine Gedanken schweiften aber  bald wieder ab zu einem Arbeitsprojekt, bei dem ich in den letzten Wochen mehr Stunden sitzend vor dem Bildschirm verbracht habe, als es mir lieb war. Ohne regelmässige Bewegungspausen wäre ich da nicht weit gekommen. Und da kam mir der Gedanke, wie sinnvoll es doch wäre, Bewegungspausen mit der Adventszeit zu verbinden … und tadaa!!! die Idee des „Bewegungspausen-Adventskalenders“ wurde geboren! 😊 Und das ist der Plan:

1. Ich werde für jeden Adventstag ein kleines „Bewegungspausen-Video“ mit Übungen aus dem Taiji, Qigong und darüber hinaus vorbereiten.

2. Alle, die gerne für jeden Adventstag einen anregenden Bewegungs-Impuls erhalten möchten, können mir eine Email an info@space2be.ch senden und ihr kriegt dann für jeden Tag einen Video-Link einer neuen Bewegungspause zugeschickt.

3. Und wenn ihr eigene Wünsche für die Bewegungspausen anbringen möchtet, wie z.B. „lockernde Übungen für die Schultern“, nehme ich diese gerne auf und setzte sie dann so gut ich kann in meinen Videos um.

4. Wenn ihr wollt, könnt ihr diesen Newsletter gerne auch in eurem Umfeld streuen, denn Bewegungspausen, die sind einfach für alle gut! 😊

Eine ganz gute, gesunde und bewegungsfrohe Herbst- und Winterzeit, das wünsche ich euch von Herzen!

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Mit Taiji zu Berge

Sehr unbeständig war das Wetter in der letzten Zeit. Doch ja, wenn der ständige Wandel zur Konstante wird, tun wir wohl gut daran, uns in Anpassungsfähigkeit zu üben und umso mehr – wie es so schön heisst -„die Feste zu feiern, wie sie fallen“. 😊

Letzte Woche gab es zwei regenfreie Tage, an denen ich zum Klettern in die Berge ging. Klettern? Kein Taiji ?!? … Naja, man kann auch Taiji-mässig klettern. Das geht dann halt entsprechend etwas langsamer 😁  Es ist wirklich ein sehr schönes und verbindendes Gefühl, wenn man sich Zeit lässt, um die Umgebung und das Gelände in Ruhe einfach mal wahrzunehmen. Je entspannter umso umfassender. Noch bevor der Fels berührt wird, können schon ganz viele Möglichkeiten für Griffe und Tritte, aber auch Stützflächen und Freiräume erfasst werden, die einem das Gestein anbietet … und mal abgesehen aller Funktionalität ist es doch auch einfach ergreifend die unglaubliche Schönheit und Gestaltungskraft der Natur zu bestaunen!

Zurück zur Funktionalität: nicht jedes Angebot hält was es verspricht. Letzte Woche war ich zum ersten Mal auf dem Speer, dem höchsten Nagelfluh-Berg im Kanton St. Gallen. Gerade nach dem vielen Regen der letzten Tage haben sich beim Zugreifen nicht selten ganze Steine aus den Konglomeratsverdichtungen zu lösen begonnen. So entstand eine Art achtsamer, kinästethisch-taktiler Dialog mit dem Berg. Immer klarer gab mir dieser zu verstehen, welche Verbindungen gut und sicher sind und welche nicht. Meistens gelang es mir meine Hände und Arme und vor allem auch meinen Schwerpunkt so zu positionieren, dass ich mich vom Berg getragen, ja sogar hochgestützt fühlte. Nur hie und da musste ich mich an einer sicheren Stelle auch mal hochziehen.

Auch beim Taiji geht es darum, seine Mitte entsprechend den Gegebenheiten entspannt und stabil auszurichten und sich dabei möglichst gut mit der tragenden Stützkraft der Erde zu verbinden. Das Schöne beim Klettern finde ich, dass immer wieder auch knifflige Stellen kommen, an denen ich hmm … erst einmal nicht weiter weiss. Doch wenn ich mir dann Zeit lasse, um mich im Gelände besser zu orientieren und auch bei mir selbst da und dort kleine äussere und innere Ajustierungen in meiner Position vornehme, dann gelingt mir meistens auch der nächste Schritt. Immer wieder staune ich, wie achtsames Entschleunigen dem weiteren Fortschritt dienlich ist.
„Langsam ist schnell,“ wussten schon die alten Taiji Meister 😊

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Einschränkungen bewegen

Neulich war ich in Berlin an einem Weiterbildungsseminar zum Thema ‚Grundlagen der Bewegung‘. Um bereits etwas bewegt und aufgewärmt am Seminarort anzukommen, hatte ich beschlossen auf Tram und S-Bahn zu verzichten und den von meiner Unterkunft aus zweistündigen Fussweg zu nehmen. Nun hatte ich im Ausland keine Internet-Daten auf meinem Handy und so prägte ich mir im Vorfeld einige wichtige Orientierungspunkte wie zum Beispiel ‚Schloss Köpenick‘, ‚Pablo Neruda Strasse‘, ‚Salvador Allende Brücke‘ und ‚Müggelspree‘ ein, damit ich auch ohne ‚google-maps‘ mein Ziel erreichen konnte. Das war dann schon ein kleines Abenteuer, diese für mich zunächst noch ziemlich abstrakten Ortsbezeichnungen dann in Echt zu finden und ganz konkret zu erleben. Ich fand das so eine tolle Erfahrung, dass ich diese Route an jenem Wochenende gleich dreimal wiederholte! Jedesmal gab es etwas Neues zu entdecken. Zum Beispiel die asiatische Statue vor dem Schloss Köpenick, die mit einem Kind auf dem Rücken tapfer einer ungewissen Zukunft entgegenblickte …

… oder die herrlich durftende und wunderschön blühende Wildkirsche entlang des Waldweges, den man aber nur dann entdecken konnte, wenn man sich nicht an die Wegempfehlung über die Salvador Allende Brücke hielt 😉

… und dann das schlichte, in sich ruhende Holzhaus inmitten der Müggelspree … um nur ein paar der Eindrücke entlang meines Fussweges zu nennen.

Und so dachte ich dann bei mir: „Ja, mit ‚google maps‘ weiss ich über den Weg Bescheid, aber ortskundiger und bewanderter werde ich erst dann, wenn ich ihn selber gehe. Und je öfter, umso mehr.“

Spannend fand ich auch festzustellen, wie das Fehlen der heute so selbstverständlichen elektronischen Hilfsmittel eine starke Anregung sein kann um seine Merk- und Orientierungsfähigkeit im äusseren Raum zu trainieren. Ich habe mich dann gefragt, ob auch die Orientierungsfähigkeit im Innenraum, also im eigenen Körper, ebenfalls von einer Reduktion von äusseren Hilfestellungen profitieren kann. Da musste ich an meinen ersten Taiji-Lehrer in China, Lehrer Chen, denken, der mir jede neue Taiji Bewegung von sich aus nur zweimal zeigte. Hatte ich ihn nach einer dritten Wiederholung  gefragt, so zog er ein mürrisches Gesicht, murmelte grummlig etwas auf Chinesisch, und gab mir unmisserverständlich zu verstehen, dass dies nun aber die allerletzte Wiederholung sei. Nach dieser setzte er sich zur Seite auf die Bank, schlürfte seinen Tee und liess mich dann, so gut ich eben konnte, alleine mit der neuen Bewegung zurecht kommen. „Eine spezielle Form der Didaktik“, fand ich das damals. Jetzt erkenne ich den Wert dieser ‚Einschränkung‘. Sie kann einen dazu veranlassen, sich von Anfang an hochkonzentriert mit einer neuen Bewegungsabfolge zu befassen, um sie sich möglichst schnell zu merken und durch das wiederholte Üben zu verinnerlichen. Auf diese Weise kann nach kurzer Zeit schon eine Art ‚innere Landkarte‘ über die neuen Bewegungspfade entstehen, welche Auskunft darüber gibt, wann sich was, wo und wie bewegt. Doch auch hier gilt: „the map is not the territory.“ Um eine Bewegung wirklich zu erleben und in dieser immer wieder neue Facetten entdecken zu können, muss man sie auch machen. Einschränkende Umstände können uns am Ausführen und Erleben einer Bewegung hindern. Sie können uns aber ebenso auch ganz unverhofft zu neuen Bewegungserfahrungen verhelfen.

Ein Beispiel: In den letzten Wochen hatte es oft geregnet. Die Taiji-Morgenstunden im Freien fanden trotzdem statt. Einen kleinen, trockenen Unterstand bot uns eine nahegelegene Brücke. Viel zu klein war unser neuer Trainingsplatz für das Üben der regulären 37er Taiji-Form … und so zeigte ich den Teilnehmenden die ‚jail form‘ Variante, für die es nicht mehr als 1m2 pro Person bedurfte 🙂

Was ist der Nutzen davon? Nun, es gäbe da einige bewegungspraktische Vorzüge dieser verdichteten Ausführungsweise der Taiji-Form zu nennen. Meines Erachtens liegt jedoch ein besonders grosser Wert darin, dass man durch diese Art von Training einen kreativen Zugang zu neuen Bewegungserfahrungen finden kann … nicht trotz, sondern eben gerade dank der zunächst als einschränkend empfundenen Bedingungen! Natürlich hat das nur im Taiji seine Gültigkeit 😉   Diesen ‚constraints led approach‚, wie er in Fachkreisen auch genannt wird, halte ich wohlgemerkt in allen Ehren, freue mich aber ebenso, wenn nicht sogar noch mehr, auf die sonnigen Frühlingstage mit ganz viel Raum für gesundes und freudvolles Bewegen! Und genau das wünsche ich euch auch:

Bei jeder Wetterlage und in welcher Form auch immer – viel Freude am Bewegen!

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Taiji wind- und wetterfest

Immer kürzer werden die Tage und bald schon beginnt der letzte Monat des Jahres. Früh am Morgen ist es dunkel, kalt und oft auch nass. Da kann es manchmal schon etwas Überwindung brauchen um raus an die frische Luft zu gehen. Doch es lohnt sich! Nicht selten wird man Zeuge von ungeahnt schönen Morgenstimmungen wie jener auf dem Mülimatt-Steg über der Aare auf dem Bild unten.

Das Blatt gesprenkelt mit kleinen und grossen Regentropfen erinnert mich an den sehr lieb gewonnenen Taiji Trainingsplatz im Geissenschachen gleich hinter der Aareinsel. Genau so wie all die vielen Wasserperlen ihren Platz auf ein und demselben Blatt finden, genau so kommen auch im Geissenschachen eine Vielfalt von einzigartigen Leuten zusammen. Jede Wasserperle bringt die Blattfläche unter ihr wie eine Lupe hell und gross zum Vorschein. Ebenso bereichert auch jeder Besucher der Taiji Morgenstunde den gemeinsamen Trainingsort mit seinem eigenen Zugang und eigenem Standpunkt zu dieser facettenreichen Bewegungsform. Jeder findet etwas für sich sehr wertvolles darin, dem selbst Wind und Wetter nichts anhaben können!

Neulich im Gespräch mit einer Kursteilnehmerin offenbarte sie mir: „Weisst du, durch Taiji habe ich meinen eigenen Körper mehr lieben gelernt …“ Wow! Was für eine wunderschöne Veränderung! Ob das jetzt durch Taiji, Qigong oder durch eine andere Form von wohltuender Bewegungserfahrung geschieht – sich noch besser und liebevoller mit dem eigenen Körper und seiner Kraft verbunden zu fühlen, das kann ich allen nur von Herzen wünschen!

Die Affen zurückstossen„, so der Name, der auf dem obigen Bild dargestellten Bewegungssequenz. Es ist der einzige Abschnitt in der ganzen Taiji Form, in welchem man sich achtsamen Schrittes nach Hinten bewegt. Tja, Manchmal muss man eben besonders langsam rückwärts laufen um besonders schnell vorwärts zu kommen. Alle, die das Buch „Momo“ von Michael Ende gelesen haben, wissen das … und alle, die Taiji machen, können das! Beides finde ich sehr empfehlenswert 🙂

Euch allen eine ganz gute, gesunde und bewegungsfrohe Winterzeit!

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„An den Ufern des Rheins“ – Tuishou im Dreiländer-Eck

Jedes Jahr findet ein Internationales Tuishou Treffen im Dreiländer-Eck statt, wobei das Durchführungsland von Mal zu Mal wechselt. Letztes Jahr wurde es in der Schweiz von Markus Hauser in Aarau organisiert. Dieses Jahr waren die Teilnehmenden bei Elizabeth Saetia aus Mulhouse im Elsäsischen Wittelsheim zu Gast. Und für das nächste Jahr hat sich Eva Seiter aus Freiburg im Breisgau für die Weiterführung dieses tollen Anlasses gemeldet. Nicht nur die Ufer des Rheins, sondern auch die Taiji Partnerübungen, das Tuishou, verbindet die drei Länder miteinander. Und diese Verbundenheit war beim letzten Treffen neulich in Wittelsheim besonders eindrücklich spürbar gewesen. Als Gastlehrer durfte ich dort mitwirken und hatte dabei die Freude seit langem wieder mal mein Französisch aufzufrischen, um die Übungen in dieser schönen Sprache anzuleiten. Nebst je einer Workshop-Einheit am Vor- und Nachmittag gab es viel Gelegenheit zum gemeinsamen Üben und freundschaftlichen Austauschen. Ich freue mich jetzt schon auf’s nächste Mal in Freiburg! 🙂

Hier noch ein paar Impressionen vom diesjährigen Treffen in Wittelsheim. An dieser Stelle noch ein herzliches Dankeschön an Elizabeth für ihre tolle Organisation sowie auch ihre untenstehenden Fotos zum Anlass.

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Taiji Langstock – eine sinnvolle Bewusstseinserweiterung

Letztes Wochenende fand in Brugg, im schönen Geisseschache an der Aare, ein Seminar zum Taiji Langstock statt. Wir hatten Wetterglück und fanden im Schatten der Bäume einen sehr angenehmen und geräumigen Trainingsplatz.

Beim Training mit dem Langstock ist der Raum sehr wichtig, denn durch den Langstock werden unsere Bewegungen in den Raum hinaus verlängert und vergrössert. Ob und wie wir uns aus unserer Mitte heraus bewegen, kann so noch deutlicher nach Aussen sichtbar und nach Innen erlebbar gemacht werden. Auch unser Interaktionsradius wird durch den Langstock um einiges grössser. Der Langstock, der von der Erde bis zu den Augenbrauen reicht, schafft eine Brücke über die wir von innen nach aussen rausreichen und in Kontakt treten können (= Yang-Qualität), sowie auch für das empfangende Aufnehmen von aussen nach innen (= Yin-Qualität). Damit diese Qualitäten über den Langstock klar erlebt werden können, braucht es eine gute Verbindung zu diesem. Und da kommen die Hände ins Spiel. Das mag auf den ersten Blick vielleicht etwas trivial erscheinen. „Klar bin ich über die Hände mit dem Stock verbunden, sind es doch meine Hände, die ihn halten,“ könnte man sich da denken. Doch um diese Verbindung zum, durch und über den Langstock hinaus zu begreifen und dessen Trageite zu erfassen, reicht das Denken alleine nicht aus. Da sind Bewegungserfahrungen gefragt, die unsere Sinne möglichst vielseitig anregen. Durch solche „sinn-volle“ Bewegungserfahrungen können wir unseren äusseren und inneren Raum bewusster erleben. Und genau das kann uns das Training mit dem Langstock schenken. Dieser hat seine eigene Form, sein eigenes Gewicht, seinen eigenen Schwerpunkt, den wir in Stille und Dynamik nicht nur mit unseren Händen wahrnehmen, sondern über unsere Hände verbunden möglichst durch unserem ganzen Körper erleben können. So gesehen gibt es mit dem Langstock eigentlich keine Solo-Übungen. Der Stock selbst wird zum Trainingspartner, den wir sinnvoll wahrnehmen und mit dem wir uns in Stille und Bewegung ebenso sinnvoll verbinden können. So ein neugieriges, ausprobierendes Erkunden des Langstockes kann spielerisch zu einem ergonomischeren, ausbalancierteren Umgang mit dem Stock und darüber hinaus auch mit uns selbst führen. Eine sehr gute Grundlage um kraftvoll-präsent (= Yang-Qualität) und zugleich auch feinsinnig-wahrnehmend (= Yin-Qualität) mit anderen Übenden in Interaktion zu treten.

Ich fühle mich richtig beschenkt, dass ich letztes Wochenende die Facettenvielfalt im Langstock Training zusammen mit so einer tollen Seminargruppe immer wieder von Neuem erleben und teilen konnte. Und besonders schön fand ich, wie jeder / jede der Teilnehmenden mit seinem / ihrem eigenen Wesen zu dieser bereichernden Interaktionsvielfalt beigetragen hat. Ganz herzlichen Dank euch allen!

 

Und hier noch ein paar Rückmeldung zum Seminar von den Teilnehmenden selbst 🙂

„Lieber Marko, ich habe SIE, die Form, in Zeitlupe und teilweise holprig aber so, dass
ich sie üben und füllen kann. Vielleicht „backen“ wir mit Robert daraus sogar den Kuchen. Danke Dir für dieses neue Taiji-Abenteuer mit Stock, für das wirklich dichte Wochenende, die bunten 😉 Impulse auf vielen Ebenen und das Teilen und Vermitteln deiner Leidenschaft. Es wirkt irgendwie ansteckend. Mein Besenstiel freut sich auf den neuen Tanz im Raum und ich auch.

„Hallo Marko, VIELEN DANK! Auch dieses Wochenende war sehr intensiv. Obwohl ich noch sehr unsicher in der Partnerarbeit bin, habe ich den Eindruck, dass wir sehr, sehr viel erlebt und gelernt haben. Erstaunlich wie weit wir gekommen sind!

„Lieber Marko, anbei das Foto vom heutigen Langstock-Seminar…
Danke für deine unglaubliche Geduld!“

„Lieber Marko. Ich danke dir ganz herzlich für die Links. Das Wochenende war sehr toll und ich werde die Gelegenheit nutzen um am Montag mit euch zu trainieren. Wünsche dir einen wunderschönen Tag!“

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Erstes offenes Tuishou Treffen im neuen Bewegungsraum

Letzten Sonntag hatte ich die Freude ein erstes offenes Tuishou Trainings-Treffen in meinem neuen Bewegungsraum in Wettingen anzubieten. „Offen“ ist so zu verstehen, dass sowohl Anfänger wie auch Fortschreitende zu einem stil- und schulübergreifenden, freundschaftlichen Trainings-Austausch willkommen sind. Eine tolle Gelegenheit um neue Trainings-Erfahrungen zu sammeln und dabei auch selbst zur Interaktionsvielfalt beizutragen 🙂

Doch worum geht es beim Tuishou eigentlich? Tuishou steht für sinnesschulende Taiji-Partnerübungen, durch welche die Wahrnehmung der eigenen Balance, wie auch jener des Trainingspartners verfeinert wird. Über achtsam fühlende Hände ist man miteinander in Kontakt und lotet spielerisch den gemeinsamen Bewegungsraum aus. Dabei ruhig und entspannt mit seiner eigenen Mitte verbunden zu bleiben, ist da manchmal gar nicht so leicht. Doch genau dieser Tanz am Rande der Komfort-Zohne lässt diese mit der Zeit immer grösser werden. Mehr Erdung und Standfestigkeit, mehr Lockerheit und Flexibilität, mehr Zentrierung und Klarheit über die eigene Körperausrichtung, mehr Entspannung und Gelassenheit sind die Früchte, welche ein regelmässiges Tuishou-Training einem nach und nach bescheren kann. Aber das Wichtigste ist die Freude an der Bewegung und diese mit anderen gemeinsam zu teilen 🙂

Letzten Sonntag kamen Tuishou-Übende aus Wettingen, Aarau, Rikon, Chur, Luzern, Basel, Fribourg, Vevey und Martigny zu einem anregenden und freudvollen Übungstreffen zusammen. Herzlichen Dank an alle Teilnehmende für euer präsentes Dasein! Ich freue mich jetzt schon auf die nächsten Tuishou-Übungstreffen!*
Und für alle, die an einem regelmässigen Tuishou-Training interessiert sind: Nach der Sommerpause finden wieder ab dem 7. August montagmorgens in Brugg an der Aare von 7:00 bis 8:00 Uhr und donnerstagabends im Bewegungsraum in Wettingen von 20:30 bis 21:30 Uhr Tuishou-Stunden statt. Meldet euch einfach unter info@space2be.ch

* Kommende Tuishou-Treffen in Wettingen:
–  Sonntag, 10. September von 10:00 – 15:00 Uhr
–  Sonntag, 26. November von 10:00 – 15:00 Uhr

* weitere Tuishou-Trainingstreffen in der Schweiz:
https://push-hands.com/

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Qigong – von KISS über Japan rund um die Welt!

Ende März hatte ich die Freude beim wöchentlichen Kafi-Treff der KISS-Genossenschaft Baden einen Vortrag über Qigong zu geben – natürlich verbunden mit praktischen Übungen zum Mitmachen.  „KISS“ steht für „keep it small and simple“. Die Genossenschaft, die diesen Namen trägt, macht sich stark für Nachbarschaftshilfe für Jung und Alt in der Region Baden. Von meiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni war ich es mir gewohnt Fachreferate zu geben. Aber diesmal entschied ich mich ganz ohne Powerpoint-Präsentation und Zitate aus der Forschungsliteratur über Qigong und Taiji zu berichten und zwar aus meinem eigenen Leben heraus. Wie ich als Jugendlicher den Zugang zu diesen Bewegungskünsten fand, was mich an ihnen so faszinierte und motivierte, mich vertiefender mit ihnen zu befassen, nach China und in andere Länder zu reisen und Erfahrungen bei verschiedenen Lehrern zu sammeln. Ich fand es spannend durch diese Rückschau festzustellen, wie sich meine Schwerpunkte und meine eigene Übungspraxis über die Jahre hinweg veränderten und was der rote Faden ist, der durch alle meine Entwicklungstationen gewoben ist: Die Freude an der Bewegung. Darüber könnte ich jetzt viel schreiben, habe mich dann aber auch beim Refereat dafür entschieden, dies durch spielerische Qigong-Übungen die Anwesenden selbst erleben zu lassen. Das war eine gute Idee 🙂

Die letzten zwei Wochen war ich zusammen mit meinem Sohn in Japan auf Reisen. Ein eindrückliches und sehr facettenreiches Land! Wir hatten eine ganz gute Zeit mit meist sehr gutem Wetter, immer köstlicher Verpflegung und vielen wunderschönen Aufenthalten in der Natur! Meine täglichen Morgenübungen habe ich auch in Japan weitergeführt und mit Video-Aufnahmen protokolliert. Wer gerne mal einen Blick reinwerfen und dabei vielleicht gleich auch mitmachen möchte, wird auf meinem Youtube Kanal fündig. Viel Spass! 🙂

Zu guter Letzt möchte ich noch auf den kommenden Samstag, den 29. April 2023 hinweisen. Wie jedes Jahr findet am letzten Samstag im April-Monat der „Welt Taiji und Qigong Tag“ statt. An diesem Tag werden in vielen Städten rund um die Welt öffentliche Taiji und Qigong Trainings zum freien Üben und Mitmachen angeboten. Auch dieses Jahr werde ich wieder beim Trainingstreffen der Schweizerischen Gesellschaft für Qigong und Taijiquan (SGQT) teilnehmen und heisse alle, die mitdabei sein möchten ganz herzlich willkommen! Ab 11 bis 14 Uhr wird in Zürich am Utoquai beim Platz vor der Seebadi geübt und ausgetauscht. Weitere Infos zu diesem tollen Anlass sind hier zu finden.

Herzliche Grüsse und einen schönen Frühling mit ganz viel Bewegungsfreude!

 

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Entschleunigung

Zum Jahresausklang möchte ich noch ein Erlebnis zum Thema „Entschleunigung“ mit euch teilen. Letzten Samstagnachmittag hatte ich meinen ersten Einsatz als Helfer beim Stand vom Badener Kerzenziehen. Das war eine ziemlich aktivierende Erfahrung. Bisher war das Kerzenziehen für mich immer etwas sehr Ruhiges und Besinnliches. Umso kontrastreicher empfand ich den Perspektivenwechsel vom Gast am Wachstopf zum Allrounder hinter dem Schneidetisch. Den blauen Schurz einmal angezogen, war es mit ‚Ruhe und Besinnlichkeit‘ schnell mal zu Ende. Gross und Klein warteten in einer langen Schlage. Ihre fertig gezogenen Wachskerzen mussten ja noch zugeschnitten, gewogen, verpackt und bezahlt werden. Da kam eine grosse, dicke Kerze, die in vier kleine Kerzen gestückelt werden musste, eine davon soll noch spiralig verziert werden, während auf eine andere noch ein kleiner Schneemann aus Bienenwachs draufkommen soll … So viele verschiedene Wünsche … und dann schaute mich da ein kleiner Junge mit wachen Augen an und sagte: „Aber uf dere Cherze häsch im Fall kän goldige Chläber drufg’kläbt …“ Ach ja, genau … auf jede Kerze gehört ja noch die goldene Klebe-Etikette „von Hand gezogen“ drauf! So war ich in dieser Flut an Sinneseindrücken ganz schön ins Schwimmen gekommen. Doch nach einer Weile fiel mir auf, dass sich meine Aufmerksamkeit immer mehr nur auf die eine Kerze, die ich in dem Augenblick gerade vor mir hatte, bündelte. Alles andere verschwamm zu einem weichen Hintergrundrauschen. Und inmitten des Gewusels und Gestürms kam es völlig unerwartet wieder zu mir: das schöne, friedvolle Gefühl einer zeitlosen Ruhe mit einer vollen, von Moment zu Moment überfliessenden Aufmerksamkeit. Was so alles passieren kann, wenn man sich nur auf eine Sache aufs Mal besinnt?! 🙂

Eine ganz schöne Aventszeit, friedliche Feiertage und einen guten und gesunden Winter euch allen!

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Freude am Bewegen!

Nach den vielen Sonnentagen im August hat uns der Septembermonat schon mit einigen Regengüssen ganz schön erfrischt. Sehr erquickend war für mich auch eine neuliche Bewegungserfahrung im Badener Kurpark. Das Tanzkollektiv PR·SMA hat ihre Bewegungskunst rund um das Kurtheater herum zum Besten gegeben – und zwar nicht nur zum Zuschauen, sondern auch zum Mitmachen! Während mehreren Wochen vor der Erstaufführung ihres Werkes „Poems From Inner Space“ trainierten die Tänzer:innen täglich gut sieben Stunden. Einige dieser Trainingsstunden auf der Kurpark-Wiese waren öffentlich. Alle die Lust hatten, konnten einfach mitmachen – ganz im Sinne eines „public warm-up’s“. Natürlich liess ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen! Mit lockernden, dehnenden Körperbewegungs- und -wahrnehmungsübungen ging es los, wobei die Umgebung stets miteinbezogen wurde. So gaben Elena Morena Weber und Lucas del Rio Estévez, die beiden Choreographen des Tanzensembles, ob mit Worten oder Gegenständen, immer wieder erfrischend belebende Bewegungsanregungen in die Gruppe hinein, wie zum Beispiel „give the earth a gentle massage with your feet“, oder „soak the dew from the gras up through your body like a thirsty sponge“. Bald weitete sich das Interaktionsspektrum über das organische Verbinden mit der Umgebung spielerisch auch auf die Teilnehmenden der Trainingsgruppe untereinander aus. Was geschieht, wenn der Freiraum zwischen zwei Menschen zu einem magischen Durchgangstor für einen dritten wird? ” 一动全动 ” = „Yī dòng quán dòng“ = „Bewegt sich etwas, so kommt alles in Bewegung“, würden wohl die alten Taiji Meister dazu sagen. Was braucht es um eine Bewegung in der Gruppe anzuführen? Was, um sie zum Stillstand zu bringen? Wieviel an Zug- und Druckkraft ist für ein kollektiv dynamisches „Zusammen-halten“ stimmig? Und wenn dann mal ein Ball – oder auch zwei oder auch drei – ins Rollen kommen, was braucht es da alles, damit der Bewegungsfluss sich stetig weiterentfaltet und nicht versiegt? … Toll fand ich, dass die Antworten auf diese spannenden Fragen nicht über eine intellektuelle Denkleistung erörtert wurden. Nein, vielmehr wurden sie an Ort und Stelle gemeinsam mit allen Beteiligten vorzu durch Bewegung kreiert und erlebt! In jedem Fall war das eine unglaublich schöne und freudvolle Bewegungserfahrung, für die ich sehr dankbar bin 🙂

Sehr gut gefallen haben mir auch die abschliessenden Qigong Übungen. Im Austausch mit Lucas meinte er, dass beim Tanz die Aufmerksamkeit oft stark auf die Bewegungswirkung im Aussen gerichtet sei, und dass das Bewegungserleben im Innern verhältnismässig eher weniger beachtet werde. Qigong Übungen seien da ein wertvoller Ausgleich, ein Nähren des Inneren, des Yīn (阴), was dann wiederum dem Ausdruck nach Aussen, dem Yáng (阳) noch mehr Kraft verleiht. Dem konnte ich nur zustimmen. Umgekehrt habe ich jedoch auch für mich realisiert, dass ein zu starkes Gewichten der inneren Kultivierung bei einem Mangel an äusseren Entfaltungsräumen ebenfalls sehr einschränkend sein kann, und dass solche spielerisch-kreativen Interaktionsübungen in einer Gruppe von bewegungs- und begegnungsfreudigen Menschen einen wunderschönen, herzöffnenden (开心 = kāi xīn = das Herz öffnen = freudig / freudvoll) Entfaltungsraum für die innere Arbeit (内功 = nèi gōng) bilden können.

Mein Eindruck war, dass die Tänzer im Rahmen dieses Projektes gute 80% ihres Trainings zusammen in der Gruppe hatten und nur geschätzte 20% Solo-Trainingszeit war. Bei mir ist es eher umgekehrt: Die meiste Zeit meines Taiji-Trainings übe und vertiefe ich für mich alleine, während Partnerübungen, an denen ich eigentlich grosse Freude habe, nur einen relativ kleinen Teil ausmachen. Um mein Training etwas mehr auszugleichen, möchte ich in der kommenden Zeit dem Tuīshǒu (推手) – so werden die Taiji-Partnerübungen eigentlich genannt – wieder etwas mehr „Spiel-Raum“ geben. Wer Tuishou noch nicht kennt und so wie ich auch gerne immer wieder mal neue Bewegungserfahrungen machen möchte, dem kann ich die Internetplattform https://push-hands.com/ wärmstens empfehlen. Viele Tuishou-Trainingsmöglichkeiten in der Schweiz, wie auch im Ausland sind dort zu finden.

Ob „public warm-up’s“, Taiji-Tuishou, Kontaktimprovisation, Tango, Streetdance, Parkour, Bergwandern, Pilze-Sammeln oder was auch immer … Hauptsache Freude am Bewegen! Und wenn man diese dann auch noch mit anderen zusammen teilen kann, machts noch mehr Freude! … weil Freude die Herzen öffnen und miteinander verbinden lässt! 🙂

… und übrigens, PR·SMA Kollektiv wird im Dezember 2023 wieder in Baden zu Gast sein – voraussichtlich auch wieder mit public warm-up’s im schönen Kurpark. Ich freue mich jetzt schon sehr darauf!

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Der weisse Gedankenstrich

Das Denken hat in unserer Kultur einen so grossen Stellenwert, dass ein Zustand des Nicht-Denkens – ausgenommen beim Schlafen – für viele fast undenkbar geworden ist. Zustandsbeschreibungen wie „unbedacht“, „kopflos“, „gedankenverlohren“ sind nicht besonders positiv konotiert. Auch die meist rethorisch gestellte Frage: „Was hast du dir dabei eigentlich gedacht?!“, suggeriert, dass der Gefrage sich durch sein als unzulänglich wahrgenommenes Denken in eine eher unangenehme Situation manövriert hat. Wahrscheinlich hat auch die in den Schulbüchern rege zitierte Aussage des Französischen Philosophen René Descartes: „Ich denke also bin ich“, dazu beigetragen, dass die Abwesenheit des Denkens mit etwas existenziell Bedrohlichem verbunden wird … Zeit für einen Gedankensprung …

An der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch gibt es einen sehr schönen und zur Einkehr einladenden Raum der Stille. Der aufmerksame Besucher wird ein diskretes Kunstwerk bemerken. In weissen Buchstaben steht auf einer etwas weniger weissen Wand der folgende Text geschrieben: „ERKENNEN DEINE GEDANKEN,“.

Was könnte das wohl bedeuten? Wie könnte diese unvollständige Aussage oder Frage weitergehen? Im Rahmen eines Wettbewerb konnten kreative Beiträge eingereicht werden, die dieses Kunstwerk sinnig und originell deuteten. Auch mich hat dieser Satzanfang zu einem kleinen Video-Beitrag inspiriert, in welchem ich mir Fragen zur Erkenntnisfähigkeit von Gedanken und zu gedankenfreiem Sein gestellt habe … und dies u.a. auch mit Grundlagenübungen aus dem Baguazhang (八卦掌) in bewegter Form versinnbildlicht habe. Hier also das Ergebnis 🙂

Zum Titel „Der weisse Gedankenstrich“: In einem Text leitet der Gedankenstrich einen neuen bzw. eingeschobenen Gedanken ein. Doch dort, wo der Gedankenstrich selbst steht, da ist (noch) kein Gedanke. Normalerweise ist der Gedankenstrich schwarz und daher auf weissem Hintergrund gut sichtbar. Ein weisser Gedankenstrich auf einem weissen Blatt Papier oder Bildschirm ist jedoch nicht sichtbar und könnte überall stehen. Überall könnte sich durch ihn ein Schlupfloch zu einem gedankenfreien Raum auftun … in welchem das eigene Sein gedankenfrei erlebt werden kann. Dieser Zustand des Nicht-Denkens sollte meiner Meinung nach nicht als Gegenpol zum Denken aufgefasst werden, sondern vielmehr als eine essenzielle Grundvoraussetzung für das Denken (und noch vieles mehr) verstanden werden. Was meint ihr dazu? Ich freue mich auf eure Gedanken und Anregungen!

Liebe Grüsse und eine schöne Sommerzeit!

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Welt – Taijiquan und Qigong – Tag

Jedes Jahr am letzten Samstag im Monat April findet der Welt – Taijiquan und Qigong – Tag (WTQT) statt. Dann sind alle Taiji- und/oder Qigong Praktizierende auf der ganzen Welt eingeladen, sich draussen im Freien zu treffen und gemeinsam zu üben oder auch eine öffentliche Trainingsstunde zur freien Teilnahme anzubieten. Im deutschsprachigen Raum haben sich dieses Jahr die Berufsverbände für Taiji und Qigong Lehrpersonen aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Österreich zusammengeschlossen und auf der Plattform „Vielfalt erleben“ eine Übersicht zu allen öffentlichen Trainingsangeboten am WTQT ihrer Mitglieder aufgeschaltet. Auch ich war an diesem Tag aktiv und habe in Zürich im Platzspitzpark, auf der Wiese vor dem Landesmuseum eine Taiji-Morgenlektion in einer kleinen aber feinen Gruppe mit Teilnehmenden aus Brugg, Baden und Zürich angeboten. Die Stunde verging wie im Fluge! Erfrischt von den belebenden Taiji-Übungen und vom anregenden Austausch untereinander begab ich mich zusammen mit einigen Teilnehmenden zum Utoquai am Zürichsee.

Dort fand am späteren Vormittag ein von der Schweizerischen Gesellschaft für Qigong und Taijiquan (SGQT) ein Qigong flash mob statt, an welchem drei verschiedene Lehrpersonen ihre Qigong Übungen in der versammelten Gruppe anleiteten. Wie ihr auf diesem WTQT-Video erkennen könnt, hatte auch ich die Freude vor der Gruppe zu stehen 🙂 Nach dem Event gab es noch eine Taiji-Gruppe die ihre Langform übte, während sich andere die offerierte Mittagsverpflegung schmecken liessen und sich heiter austauschen. Die Stimmung an diesem öffentlichen Anlass war sehr entspannt und einladend. So sind denn auch einige Passanten stehen geblieben, haben neugierig zugeschaut und zum Teil auch ganz spontan mitgemacht. Ein rundum gelungener Event! Herzlichen Dank an die SGQT für die prima Organisation und tolle Umsetzung!

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„Gut Ding …

… will Weile haben“, so lehrt uns der Volksmund. Auch für Ma Yueliang, ein herausragender Taiji Meister des letzten Jahrhunderts, zählte „Beständigkeit“ (恒 = heng) zu einen der fünf Schlüsselqualitäten für ein gelingendes Üben. Doch Beständigkeit im Üben, was heisst das eigentlich? Immer wieder ertappe ich mich, wie ich meine Kursteilnehmende ermutige, eine regelmässige Übungspraxis aufzunehmen. Dabei tun sie das ja bereits. Sie kommen nämlich 1 x, manche sogar bis zu 4 x pro Woche ins Taiji-Training. Einige wenige schauen nur 1 x pro Monat oder noch seltener in die Taiji-Stunde rein. Das ist zwar nicht so viel, aber immer noch regelmässig. Warum rate ich dann immer wieder den Teilnehmenden ihre eigentlich bereits vorhandene regelmässige Übungspraxis noch weiter auf Zeiträume ausserhalb der Unterrichtszeiten auszudehnen? Wahrscheinlich aus meiner Erfahrung, dass durch das selbstständige Üben …

– das in der Stunde gelernte noch besser verinnerlicht und somit zu etwas Eigenem wird

– viele Fragen auftauchen, die für den eigenen Lernfortschritt förderlich sind

– die Freude an dem, was man alles schon gelernt hat, wächst

– die Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit zunimmt wird

– die Lerninhalte aus dem Kursraum heraus besser in den Alltag integriert werden

– man immer wieder Zeit für sich selbst nehmen und sich Gutes tun kann

Ist denn nun regelmässiges aber seltenes Üben schlecht? Ich finde nicht, denn es ist immer noch besser als gar kein Üben. Auch müssen die äusseren und inneren Gegebenheiten berücksichtigt werden, welche die Möglichkeiten und die Bereitschaft für ein regelmässiges Üben wesentlich mitgestalten.

Neulich musste ich an meine ersten Jahre mit Taiji zurückdenken. Ich hatte bereits die 37er Kurzform gelernt und wollte auch in der 108er Langform sattelfest werden. Ich erinnere mich gut, wie ich jedesmal nach der Doppellektion missmutig nach Hause kam, weil ich immer dieses frustrierende Gefühl vom „Treten an Ort uns Stelle“ hatte. Der Kurs war teuer, die Lehrer qualifiziert … doch im Unterricht vertieften sie sich immer wieder in Detailausführungen zu einzelnen Sequenzen, so dass die Stunde verflog, ohne dass ich die ganze Form – und durch sie auch mich selbst – in einem Bewegungsfluss erleben konnte. Nach einem halben Jahr bin ich aus dem Kurs ausgestiegen. Hätte ich zu Hause mehr üben sollen? Sehr wahrscheinlich schon … doch mit zunehmendem Frust und fehlenden Erfolgserlebnissen hatte ich auch einfach keine Lust mehr dazu. Die Geschichte geht aber noch weiter, …

2007 – Taiji Üben im Park

denn zum guten Glück gab es da den grossartigen Peter! Den gibt es im Übringen immer noch 🙂 Mit Peter zusammen habe ich vor vielen Jahren die Taiji Lehrer Ausbildung absolviert. Schon während unserer Ausbildungszeit haben wir uns regelmässig, was bei uns etwa +/- 1 mal pro Monat heisst, zum gemeinsamen Üben im schönen Rieterpark getroffen. Zugegeben, das ist zwar nicht viel, aber immerhin regelmässig und über all die Jahre hinweg bis heute beständig. Da Peter den Ablauf der 108er Form etwas besser kannte als ich, hatten wir uns jedesmal gemeinsam durch diese lange Taiji-Form irgendwie durchgewurstelt. Bei unklaren Stellen orientierten wir uns an den Ausführungen in Fachbüchern und später dann auch an Video-Aufnahmen, doch bei so grossen zeitlichen Abständen erwies sich bei uns beiden der Lerneffekt als eher marginal und nicht besonders nachhaltig. Habe ich zu Hause diese Taiji-Form geübt? Nein, das habe ich nicht … und ich kann auch gar nicht genau sagen, warum ich das nicht tat. War es denn vielleicht doch stimmig durch diese Langform ein paar mal im Jahr zusammen mit meinem Taiji-Kumpanen zu schwimmen? Das Unvollendete, Brachliegende kann ja auch seinen Reiz haben um Dranzubleiben – Ich erinnere mich gerade dabei, wie ich es als Kind geliebt habe auf Baustellen zu spielen, bis ich eines Tages dabei erwischt wurde … aber das ist dann eine andere Geschichte – Naja, jedenfalls dauerte diese Phase des Dranbleibens an der „Königin der Taiji-Formen“ in zwar regelmässigen, aber doch eher grossen zeitlichen Abständen über 10 Jahre. Trotz der grossen Abstände und der ziemlich flachen Lernkurve sind Peter und ich beständig drangeblieben. Darüber bin ich sehr, sehr froh und dankbar! Ohne dieses Dranbleiben hätte es sehr wahrscheinlich auch nicht den einen Tag gegeben, an welchem der Beschluss in mir heranreifte: „So, und ab heute wird die Langform zu meinem vorrangigen Übungsgefäss.“ Dieser Beschluss kam von tief Innen heraus und war dermassen klar und kraftvoll, dass es danach auch kein Zweifeln oder Ausweichen mehr gab. Ich war ready für die Langform! Mit viel Freude und Fokus übte ich mich in den darauffolgenden Tagen täglich im Ablauf der Choreografie. Wo ich nicht weiterkam, recherchierte ich in der Fachliteratur, studierte Videos und holte mir Rat bei anderen Taiji-Lehrern. Schon nach wenigen Tagen fühlte ich mich viel sicherer in den Bewegungen und in ihrer Reihenfolge, so dass die Form selbst immer mehr zu meiner Lehrerin wurde. Durch sie wurde ich zunehmend mit Inhalten und Übungsaspekten vertraut, die mir vorher im Taiji verborgen geblieben waren. Erst durch das eigene, fast tägliche Üben offenbarten sie sich mir nach und nach. Im Chinesischen gibt es eine treffende Redewendung, in der es heisst: „学成师到“.  Sinngemäss bedeutet das soviel wie: „Erst wenn der Schüler reif ist, tritt auch sein Lehrer in Erscheinung.“ … und bei mir war es dann die 108er Langform.

Reifeprozesse brauchen also ihre Zeit … aber auch ein gewisses Dranbleiben mit einer Art peripherer Aufmerksamkeit, damit der stimmige Zeitpunkt nicht verpasst wird … wie z.B. auch beim Brotbacken! Da gilt es ja auch das Brot nicht zu früh, aber auch nicht zu spät in den Ofen schieben und wieder herauszunehmen.
Fazit: Beständigkeit und Bekömmlichkeit ist eine feine Kombination! 🙂

 

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Herbstblätter

Liebe Taiji-Freunde

Die Temperaturen sind gesunken, der erste Schnee schon gefallen und doch klingen in mir noch die milden Herbsttage nach, mit welchen wir dieses Jahr reich beschenkt wurden. Immer wieder zog es mich hoch zur Buessbergwiese, wo ich die Farbenpracht des Waldes bewunderte und mich vom Windspiel in den Baumkronen verzaubern liess.

Manche Blätter wurden hoch- und herumgewirbelt, andere segelten still und ruhig durch die Luft. Ihren eigenen Landeplatz fanden sie dann alle am Boden. Einfach faszinierend, wie jeder Baum, ja sogar jedes Blatt seine eigene Zeit hat für’s allmähliche Verfärben und  Loslassen. Beim Bestaunen der herunterfallenden Herbstblätter musste ich an den Prozess des Entspannens und Loslassens im Taiji denken.

Die luftig verspielte Akrobatik der fallenden Blätter ist nun in geerdeter Stille zur Ruhe gekommen. Auch jetzt wird man der Herbstblätter gewahr, jedoch weniger aus ästhetischen Gründen, sondern weil sie am Boden liegen und man auf ihnen ausrutschen könnte oder auch indirekt durch das lautstarke Getöse der Laubbläser. Immer seltener ist das rhythmische kratzen der fegenden Reisigbesen zu hören … Spannend, wie aus die Bäume krönender Schönheit dann plötzlich etwas wird, das mit Unfallgefahr oder lärmiger Gartenarbeit verbunden wird. Doch ob in der Baumkrone oder am Boden, eigentlich sind es die gleichen Blätter, einfach in einem anderen Stadium. So braun, klebrig und nass auf der Erde liegend sind sie vielleicht kein Blickfang mehr, dennoch haben sie genau dort ihren guten Grund zum Sein und in der Stille zu wirken: Sie schützen die Wurzeln vor Bodenfrost, bieten wertvollen Lebensraum für Klein- und Kleinsttiere, welche sie zersetzen und so die Erde mit wertvollen Nährstoffen düngen. Diese kommen dann wiederum den Wurzeln nährend zu Gute. So unscheinbar und manchmal auch störend die Blätter am Boden erscheinen mögen, so sind gerade sie für das Wohle der Bäume von grundlegender Bedeutung. Was hat das nun mit Taiji zu tun? Sehr viel. Bei Taiji denken die allermeisten Leute oft an die schönen, geschmeidig fliessenden Bewegungsformen. Nicht selten segeln dabei die Arme – wie vom Wind getragene Herbstblätter – beschwingt durch die Luft.

Stille in der Bewegung - Bewegung in der Stille

Welche Bedeutung den nicht so spektakulären Taiji Grundlagenübungen zur Entwicklung solcher Bewegungsqualitäten zukommt, wird jedoch oft verkannt. „基本功“ = „Ji Ben Gong“ ist das Chinesische Wort für „Grundlagenübungen“. Während das Zeichen „基“ = „Ji“ mit „Grundlage / Basis / Fundament“, und das Zeichen „功“ = „Gong“ mit „Übung / Training / Fertigkeit“ übersetzt werden kann, befindet sich in der Mitte des Chinesischen Wortes noch das Zeichen „本“= „Ben“, dessen Bedeutung im Deutschen Ausdruck „Grundlagenübung“ nicht enthalten ist. „本“ steht für „Wurzel“ und weist piktografisch auf die Wurzelstränge einer Pflanze hin.

Nicht umsonst heisst es bei den alten Meistern: „Trage Sorge zu den Wurzeln und die Blüten und Früchte gedeihen wie von selbst.“ Dies braucht Geduld und Achtsamkeit. Zwei Eigenschaften, die in unserer eher leistungsorientierten Gesellschaft nicht gerade an erster Stelle vermittelt werden. Umso mehr freut es mich, wenn Kursteilnehmende nach ein paar Monaten regelmässigen Taiji-Trainings berichten: „Weisst du, also mit der Taiji-Form läuft’s bei mir zwar noch nicht so ganz rund … das braucht wohl noch etwas Zeit, … aber durch die Grundlagenübungen merke ich, wie meine Bewegungen im Alltag immer lockerer, immer freier werden!“ Dann wirkt Taiji über die formellen Bewegungsübungen hinaus in den eigenen Alltag … was will man mehr?! 🙂

Eine ganz gute und gesunde Winterzeit wünsche ich euch allen!

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